Viel auf der Pfanne

unhaltbarDer Begriff „Fußball-Söldner“ wird nahezu ausschließlich abwertend benutzt. Meist aus gutem Grund. Vereinstreue ist für viele gute bezahlte Vollprofis in den europäischen Topligen zum Fremdwort geworden. Sie entscheiden oft mit ihrer Brieftasche, anstatt ihrem Herzen und wechseln dorthin, wo es für das eigene finanzielle Wohlbefinden – und das der am Transfer beteiligten Clubs – am sinnvollsten erscheint.

Es gibt aber auch Ausnahmen. Spieler, die nicht aus monetären Gründen um die Welt ziehen, sondern weil sie überall nach ihrem Glück suchen (müssen) und ihre Neugier auf fremde Länder und Kulturen befriedigen wollen. Der wohl bekannteste Vertreter dieser „Fremdenlegionäre“ ist der deutsche Paradiesvogel Lutz Pfannenstiel. Der Torwart gilt als der erste und einzige Fußballprofi weltweit, der auf allen fünf Kontinenten unter Vertrag stand. Geboren und aufgewachsen im beschaulichen Zwiesel, mitten in der Provinz des bayerischen Waldes, lässt Pfannenstiel ein Angebot der Nachwuchsmannschaft von Bayern München sausen und wagt sich direkt am Anfang seiner Profikarriere ins Fußballentwicklungsland Malaysia. Fortan hält es den ebenso ehrgeizigen wie auffälligen Keeper kaum ein Jahr am gleichen Fleck. Auf seiner Odyssey um den Globus erlebt Pfannenstiel fast unglaubliche Abenteuer.

Er sitzt 100 Tage wegen angeblicher Spielmanipulation unschuldig in Singapurs härtestem Knast, hällt sich in Neuseeland einen Pinguin in der Badewanne und verprügelt den Dieb seiner Trikotsammlung, und bricht in England tot auf dem Platz zusammen und muss dreimal wiederbelebt werden. Andere Fußballer bräuchten wahrscheinlich fünf Karrieren, um das zu erleben, was Lutz Pfannenstiel bei seinen insgesamt 24 Vereinen mitgemacht hat. Der Torhüter spielte zwar nie in einer der großen Ligen, gewährt in seiner lockeren, mit der Hilfe von Journalist Christian Putsch, geschriebenen Autobiografie, dafür aber interessante Einblicke in das Fußballgeschäft abseits der Glitzerwelten von Bundesliga, Premier League und Serie A. Es wird einem bewusst, dass der Fußball fast überall seinen Platz gefunden hat und es Spieler gibt, die nicht mit dem Glück, Talent oder Willen ausgestattet sind, um den großen Durchbruch zu schaffen und fortan „on the road“ leben und von Chance zu Chance tingeln – egal wo.

Pfannenstiels Buch ist keine große Literatur, der Schreibstil recht einfach, manche Phrase wird öfter gemolken. Auch lässt sich dem Autor ein leichter Hang zur Egozentrik unterstellen. Man vermutet des öfteren, dass Pfannenstiel seine Erlebnisse vielleicht hier und da ein wenig ausgeschmückt hat (wobei die zentralen Eckpunkte seiner Karriere zweifelsfrei belegt werden können). Für alle, die sich für Fußball interessieren und darunter nicht bloß das routinenhafte Angucken der wöchentlichen Bundesliga-Konferenz verstehen, ist ‚Unhaltbar‘ eine empfehlenswerte Lektüre über einen ungewöhnlichen Typen.

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