Um jeden Preis?

Wir Videospieler neigen wider besseren Wissens oft dazu, in Entwicklern und Publishern Unternehmen zu sehen, in denen noch idealistische Kreativköpfe mit langen Haaren und Orgien im Whirlpool (→ Nolan Bushnell) regieren und die vom orangenen Uhrwerk des Kapitalismus ausgeklammert werden. Videospiel-Entwickler ist für viele noch immer ein Traumberuf.

Aber natürlich gelten die Gesetze der freien Marktwirtschaft auch für den Bereich der interaktiven Unterhaltung. Profit steht über allem, da nimmt es manch einer mit Arbeitnehmerrechten und würdigen Arbeitsbedingungen nicht ganz so genau. Wer nicht zu denjenigen gehörte, die im Zuge der Wirtschaftskrise den Job verloren, muss nun oft ein unmenschliches Pensum ableisten. Deutlich wurde das jüngst durch den Fall von zwei Rockstar-Studios. Den Anfang macht die Dependance in San Diego, bei der sich die Frauen und Lebensgefährtinnen der Entwickler in einem offenen Brief zu den Arbeitszeiten ihrer Angehörigen äußerten. Seit fast einem Jahr sollen diese jeden Tag mindestens 12 Stunden schuften müssen, 6 Tage in der Woche. Zudem sei das Betriebsklima auf den Nullpunkt gesunken.

Kurze Zeit später meldeten sich weitere anonyme Quellen zu Wort, laut denen es beim kanadischen Team von Rockstar Vancouver, die zur Zeit an Max Payne 3 arbeiten, nicht besser aussehe. „Alles, was in dem Brief der „Rockstar“-Frauen steht, trifft auch auf meine Erfahrungen bei Rockstar Vancouver zu“, wird ein Insider zitiert. Neben regelmäßigen 70+-Stundenwochen seien auch zwei Wochen Urlaub gestrichen worden.

Beide Studios gehören zu Publisher Take-Two, die wie viele andere Unternehmen unter der wirtschaftlichen Lage der letzten Monate gelitten haben und in erster Linie vom Erfolg ihres Zugpferds GTA leben. Zudem gilt CEO Strauss Zelnick unter Experten nicht gerade als Genie. Man kann sich gut vorstellen, wie wichtig die großen AAA-Titel Red Dead Redemption und Max Payne 3 für Take-Two sind und dass die Mitarbeiter in den Studios daher unter großen Druck gesetzt werden.

Wenn wir also das nächste Mal über einen verschobenen Release-Termin meckern, sollten wir bedenken, dass auch Videospiele noch immer ein Werk von Menschen sind, die unter zum Teil unwürdigen Umständen an ihren Produkten feilen. Man kann nur hoffen, dass Maßnahmen in die Wege geleitet werden, um die Arbeit an einem Videospiel wieder zu dem zu machen, was sie in vielen Augen noch immer ist: ein Traumjob. Und keine Knechtschaft, die der Undercover-Recherche eines Günter Wallraff würdig wäre.

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6 Antworten zu “Um jeden Preis?

  1. wenn welche diesen job wirklich als echten traumberuf bezeichnen, sehen sie meist wahrscheinlich nur das spielen und nicht das lange entwickeln mitsamt den unmenschlichen arbeitszeiten.
    ähnlich is es bei den spieletestern bei großen zeitschriften. natürlich ist es geil geld fürs durchspielen eines videospieles zu bekommen, doch sind es häufig auch einfach nur verdammt schlechte spiele, die man zwangsweise bis zum redaktionsschluss absolviert haben muss…und vom verfassen der artikel bis in die späte nacht wird dann auch nicht mehr geredet!

    mfg

    • Die sprudeln regelrecht aus einem raus, oder wie? 😉

      Dass Redakteure noch jedes schlechte Spiel durchspielen, mag ich übrigens auch nicht recht glauben. Selbst bei den guten Spielen dürfte dafür manchmal der Zeitaufwand zu groß sein, wenn man auch noch andere Dinge zu erledigen hat.

  2. Sagen wir mal so: Selbst grottige Spiele werden zumindest solange gespielt, bis man sich ein fundiertes Urteil erlauben kann. Es kommt ja ab und zu auch vor, dass ein Spiel zunächst keinen oder kaum Spaß macht und nach einiger Zeit richtig aufdreht (und andersrum). In der Regel lässt sich aber recht schnell sagen, mit was für einer Qualität man es zu tun hat.

    • Und den meisten „Nicht-Profis“ geht es ähnlich, denke ich. Meinereiner bildet sich auch meistens recht schnell ein erstes Urteil, und wenn ich mal ein paar Stunden gespielt habe, dann ändere ich meine Meinung über ein Spiel normalerweise auch nicht mehr so schnell.

  3. So ist das halt mit den Traumberufen. Egal ob Rennfahrer, Werber oder Spieleentwickler: Wird aus dem Hobby ein Vollzeitberuf, verliert man sehr schnell die rosarote Brille, durch welche man den Beruf bisher gesehen hat. in the end, it’s all business as usual – auch bei Traumberufen.

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