Die durch die Hölle gehen: Dante’s Inferno

Das ist Wahnsinn, warum schickst Du mich in die Hölle? Hölle, Hölle, Hölle, Hölle.

So dichtete einst Schlagerbarde Wolfgang Petry. Dante hingegen will in die Unterwelt der biblischen Glaubenslehre. Freiwillig. Schließlich wurde seine unschuldige Geliebte Beatrice in eben diese verschleppt und sieht sich nun ewiger Verdammnis gegenüber. Denn die Hölle des Dante ist kein lauschiges Grillfest, in dem Elvis, Stalin und der Typ, der die Steuererklärung erfunden hat, zusammen Poker spielen, sondern ein richtiges Drecksloch, in dem Sünder in kochendem Blut baden und Abscheu und Wahnsinn allgegenwärtig sind.

Die (Göttliche) Komödie von Dante Alighieri, geschrieben im 14. Jahrhundert, ist das vielleicht bedeutendste literarische Werk des Mittelalters und hat das Bild der Hölle bis in unsere Zeit hinein geprägt. Ließt man die Schilderungen des Poeten aus Florenz wird klar, warum die Kirche im Spätmittelalter einen solchen Erfolg mit ihrer Propaganda hatte. Dante’s Inferno von Visceral Games, die mit Dead Space einen gefeierten Hit landeten, ist nun der Versuch, das Epos in Videospiel-taugliche Bahnen zu lenken. Das ist leider nicht zur vollsten Zufriedenheit gelungen.


Das fängt damit an, dass aus dem feingeistigen Dichter Dante der Kreuzfahrer Dante wird – ein austauschbarer Actionheld, ohne das Charisma seiner offensichtlichen Vorbilder -, der zwar erst wenig glorreich hinterrücks erdolcht wird, dann aber mal eben kurz dem Tod persönlich trotzt und ihm seine Sense entreißt.

Mit dem Arbeitsgerät des Gevatters werden fortan allerhand Dämonen über die drei Flüsse der Hölle geschickt. Anfangs verfügt Dante über ein überschaubares Repertoire an Aktionen, durch Erfahrungspunkte lässt sich das Spektrum aber nach und nach durch weitere – wahlweise „heilige“ oder „unheilige“ – Manöver erweitern. Wer Dante’s Inferno zum ersten Mal in Bewegung sieht, wird sich unweigerlich an God of War erinnert fühlen. Egal, was für eine Szene gerade über den Bildschirm flimmert. Denn wo ich schon Darksiders zum Teil des Ideenklaus bezichtigt habe, bedient sich Dante’s Inferno so ungeniert am Vorbild, dass man schon fast Respekt vor so viel Dreistigkeit haben muss. Wie heißt es so schön: „Talent borrows, genius steals“. Mit der kleinen Einschränkung, dass bei Dantes Höllentour das Genie viel zu selten aufblitzt.

Wirklich gut gelungen ist das Design der neun Höllenkreise (auch wenn sich der saubere Plastik-Look des Spiels ein wenig mit den Zwischensequezen im Comic-Stil beißt), die alle ihren eigenen, gut zum jeweiligen Thema passenden, Stil besitzen und eine einfallsreiche Interpretation der alten Verse darstellen. Dantes Metaphern für das Leid der Sünder und die ekelig-faszinierenden Orte ihrer Qualen boten den Entwicklern viel Stoff, um sich kreativ auszutoben. Leider fallen viele Passagen viel zu kurz aus, manche Ideen wirken nur angekratzt, viele Chancen bleiben ungenutzt. So als ob manches kurzfristig der Schere zum Opfer fiel. Ein God of War nahm sich bei seiner eigenwilligen Kollage der griechischen Mythologie mehr Zeit und schuf dadurch diverse große Momente, an denen es Dante’s Inferno eklatant mangelt. Selbst die Bosskämpfe bleiben weit hinter ihren Möglichkeiten. Von der hastig, holprig und ohne Sinn für Epik erzählten Story ganz zu schweigen.

Denn in einem Punkt hat Dante’s Inferno erstaunlicherweise nicht bei Kratos abgeguckt. Anstatt ein Hack & Slay mit Action-Adventure-Elementen abzuliefern, präsentieren uns Visceral Games ein ultra-lineares Gemetzel mit kalkuliertem Schock-Faktor (untote Babyleichen, die aus überdimensionalen Brustwarzen kriechen sind sicherlich nicht jedermanns Sache), bei dem jeder Pfad streng vorgekaut wird, keinerlei Entdeckungsgeist gefragt ist und die wenigen Rätsel nur Alibi sind. Um die kurze Spielzeit ein wenig zu strecken, entschied man sich hingegen dafür, in der zweiten Hälfte des Spiels ein paar unfaire Stellen einzubauen und den achten Ring als Aneinanderreihung zwanghafter Arena-Kämpfe zu gestalten.

Immerhin geht die Steuerung in den Kämpfen gut von der Hand und erlaubt dynamische Sichel-Kombos. In den Kletterabschnitten, die die Höllenkreis miteinander verbinden, steuert sich Dante hingegen unsicherer und unpräziser, was oft zu ungewolltem Ableben führt (bei denen sich irgendwie die Frage aufdrängt, was denn eigentlich mit jemandem passiert, der in der Hölle stirbt).

Wer nach den obrigen Zeilen davon ausgeht, dass Dante’s Inferno ein richtig schlechtes Spiel ist, hat die Rechnung allerdings ohne das Fazit gemacht. Denn bei all den Patzern ist die Höllenwanderung trotzdem ein solides Actionspiel, das die Wartezeit auf God of War 3 ganz ordentlich zu überbrücken vermag. Aus der Vorlage hätte man aber noch viel mehr herausholen können, weshalb ich mir nicht sicher bin, ob man Visceral Games für ihren Mut, aus dem alten Stoff ein Videospiel zu machen, loben soll, oder es bedauern sollte, dass die Adaption von Dantes Meisterwerk nicht der Hit ist, der sie hätte sein können.

Advertisements

2 Antworten zu “Die durch die Hölle gehen: Dante’s Inferno

  1. hm, also in der gamepro schrieben sie, dass dantes inferno einfach nicht so ein tolles spiel ist, weil man es irgendwo schonmal gesehen hat…
    da die großen vorbilder sicher god of war und devil may cry sind – ich beide spiele aber jeweils nur mal kurz angespielt habe – stellt sich mir die frage, ob es denn zumindest für einen genre-neueinsteiger wie mich etwas empfehlendes wäre?!

  2. Falls du die genannten Spiele noch nicht kennst, kannst du dir Dante’s Inferno ruhig anschauen. Aber stell dich darauf ein, dass es wirklich sehr kurz und linear ist. Solltest du eine PS3 besitzen, würde ich raten, bis Ende März auf God of War 3 zu warten.
    Und die GamePro hat Recht: Man hat wirklich alle Spielelemente schon einmal gesehen – nur das Setting von ‚Dante‘ ist frisch.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s