Regen bringt Segen: Heavy Rain

— Achtung: dieser Text enthält Spoiler und sollte nur dann gelesen werden, wenn ihr Heavy Rain mindestens einmal durchgespielt habt–

Ab und an erscheint ein Videospiel, das so große Wellen schlägt, dass es in den einschlägigen Kreisen seit Wochen die Diskurse bestimmt und selbst knochentrockene Feuilletons deutscher Tageszeitungen nicht umher kommen, darüber zu berichten. Selbst wenn diese Spiele die Konventionen ihres Mediums sprengen und vieles so radikal anders machen, dass der Begriff ‚Videospiel‘ fast nicht mehr geeignet scheint, um ihr Wesen zu beschreiben. So wie im Fall von Heavy Rain.

Zu sagen, David Cage, die menschliche Triebfeder hinter dem interaktiven Psycho-Thriller, sei ein ambitionierter Entwickler, wäre noch eine Untertreibung. Schon die ersten beiden Projekte seines französischen Studios Quantic Dream – The Nomad Soul und Fahrenheit – versuchten sich an neuen narrativen und emotionalen Ansätzen. Doch wo Fahrenheit noch teilweise ungelenk in seiner Präsentation war, die Story zu abgehoben und die Steuerung für ihre Zwecke nicht präzise genug, gelingt es Heavy Rain diese Fehler zu vermeiden und mit spielerisch reduzierten Mitteln eine dafür umso packendere Geschichte zu erzählen. Man kann Cage für sein oftmals arrogant wirkendes Auftreten und seine Rundumschläge gegen den Status Quo des Videospiels kritisieren, muss dabei aber neidlos anerkennen, dass er es tatsächlich geschafft hat, uns darüber nachdenken zu lassen, was mit diesem Medium noch alles möglich ist.

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GotY: Meine Spiele des Jahres

V: Batman: Arkham Asylum

Und es gibt sie doch: Gelungene Lizenz-Versoftungen. Batmans Trip durch den irren Arkham-Knast zählt zweifellos dazu und war vielleicht DIE positive Überraschung des Jahres. Rocksteady Games ist es gelungen, eine einmalige Atmosphäre zu kreieren, die dem dunklen Ritter sehr gut steht und für viele spannende Momente sorgt. Vor allem die von Scarecrow herbeigeführten Albtraum-Sequenzen dürften für diverse aufgestellte Nackenhaare verantwortlich sein. Auch das Hybrid-Gameplay aus Metroid-lastigem Erforschen, flotten Prügeleien und Stealth-Action funktioniert und führt flüssig durch die sehr ordentlich inszenierte Story.

IV: FIFA 10

Eigentlich ist es ein bisschen einfallslos, das x-te Update eines Sportspiels in die Top 5 aufzunehmen, aber FIFA 10 ist (zumindest für den Moment) der König der Fußball-Simulationen und war – bei einem Fußball-Junkie wie mir kein Wunder – mein meistgespieltes Game im zuende gehenden Jahr. Zugleich ist es das Einzige, das mich regelmäßig zum Online-Zocken verführt und immer weiter an meiner Technik feilen lässt. Denn FIFA mag vielleicht nicht ganz so realistisch sein, wie sein Konkurrent aus dem Hause Konami. Doch dafür ist es einfach packender, dramatischer, mitreißender. Fußball wie er sein soll. Auch nach Hunderten von Partien.

III: GTA IV: The Ballad of Gay Tony

Ich weiß, was jetzt so mancher denkt: Ein Add-On auf dem Bronze-Rang? So schlecht war das Software-Jahr nun auch wieder nicht. Stimmt, aber zum einen bin ich nun einmal bekennender GTA-Fanboy und zum anderen macht gerade der zweite DLC zu Teil 4 vor allem eins: sehr, sehr viel Spaß. Die abgedrehten Missionen, bei denen Krawall und Stil ganz oben stehen und die für das Franchise typischen Charaktere, die allesamt einen Hau weg haben, sorgen für viele vergnügliche Stunden. Außerdem freue ich mich über jede freie Minute, die ich in Liberty City verbringen kann, denn eine besser desingte Stadt gibt es im virtuelle Videospielreich nicht.

II: Dragon Age: Origins

Bislang hatte ich BioWare-Rollenspiele immer verschmäht, doch nach meinen tollen Erlebnissen mit Dragon Age: Origins wird mir das in Zukunft sicherlich nicht mehr passieren. Das RPG erzählt eine reife, düstere Story in einem eigenständigen, glaubhaften Universum, bei der die Helden spürbar mitwachsen und die Party so etwas wie eine zweite Familie wird, deren Macken und Vorzüge man schnell (ein) zu schätzen lernt. Auch die komplexe Charakterverwaltung und die immer aufregende Jagd nach neuem Equipment ist Rollenspiel von seiner besten Seite. Da verzeihe ich auch die Übersichtsprobleme im Kampf und die zahlreichen Anleihen bei den Gottvätern der Fantasy.

I: Uncharted 2: Among Thieves

Sicherlich keine große Überraschung, dass sich Spitzbube Nathan Drake den goldenen Pokal abholen darf, schließlich hat die Videospiel-Welt auch andernorts zurecht ferstgestellt, dass Uncharted 2 das beste Spiel des Jahres 2009 ist. Nahezu perfekte Popcorn-Unterhaltung mit kinoreifer Action und fast schon unverschämt sympathischen Charakteren wird eben belohnt. Among Thieves ist zu keiner Sekunde fade und findet eine eindrucksvolle Balance zwischen spielerischer Herausforderung, augenweidendem Eye Candy, einer selbstironischen Story und einer phänomenalen Optik, die selbst einem alten Hasen wie mir mitunter das Kinn auf die Knie purzeln ließ.

Enttäuschung: Scribblenauts

Würde man dem innovativen Spiel von 5th Cell ein Zeugnis ausstellen, würde dort der berüchtigte Satz „Hat sich redlich bemüht“ stehen. Denn gut gemeint ist bekanntlich das Gegenteil von gut gemacht. Scribblenauts vielzitiertes Vorhaben, den nahezu gesamten Wortschatz in ein Modul zu quetschen und fast jeden Begriff im Spiel manifestieren zu lassen, hat zwar geklappt, aber viele logische Fehlschüsse und vor allem die verkorkste Steuerung machen Scribblenauts zur unnötigen Wutprobe, die die Begeisterung über das tolle Konzept leider recht schnell verdrängt hat.

Geheimtipp: Prototype

Die Action-Orgie von den passend betitelten Radical Entertainment ist sicherlich weder das reifste Spiel, noch von überragender Qualität, und mir würden viele Dinge einfallen, die man hätte besser machen können. Aber zum Abreagieren und für laut gröhlende Männerrunden gibt es kaum ein besseres Spiel, als eines, bei dem man einen völlig overpowerten Antihelden gegen Mutanten und Militärs antreten lässt und mit einem Klingenhieb Hubschrauber vom Himmel holt und Panzer mit einem Flying Elbow dem Erdboden gleichmacht. Style over substance – ja. Aber man bekommt beim Spielen das Grinsen einfach nicht aus dem Gesicht.

Most Wanted 2010: Heavy Rain

Natürlich freue ich mich auch auf diverse Titel mit einer Zahl im Namen: God of War III, BioShock 2, Mafia II… Aber von den Neuentwicklungen ist das Projekt von David „Ich bin so verdammt ambitioniert“ Cage die meines Erachtens spannendste. Der Quasi-Vorgänger Fahrenheit war für mich ein Spiel, das schon in Ansätzen gezeigt hat, wozu ein Videospiel narrativ in der Lage sein kann, auch wenn sich die Macher im Endeffekt ein wenig übernahmen. Das Gleiche droht nun natürlich auch, aber wenn alles gut läuft, könnte das Game Noir tatsächlich zu einem Meilenstein der digitalen Geschichte werden. Und da will man doch dabei sein.